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Achtung, Triggerwarnung! Sinn oder Unsinn?

Hilft es, eine Warnung zu geben? Und wenn ja: Wie sollte sie aussehen?

Ein „Trigger“ ist ein Reiz, der eine bestimmte emotionale Reaktion wie Angst, Schmerz oder auch eine Dissoziation auslösen kann. Letztere bezeichnet, vereinfacht gesagt, das Herausfallen oder Auseinanderfallen bestimmter psychischer Erlebnisse oder Funktionen. Menschen mit schweren traumatischen Erfahrungen können hiervon besonders betroffen sein.

Der Begriff „Triggerwarnung“ hat sich in den letzten rund 15 Jahren durchgesetzt und wurde inzwischen auch in den Duden aufgenommen. Die Warnung soll einer Person, die für Trigger anfällig ist, die Möglichkeit geben, sich auf den Reiz vorzubereiten – oder vielleicht auch wegzuschauen, umzuschalten oder nicht weiterzulesen.

In Büchern kommt der Begriff „Triggerwarnung“ seit etwa 2010 häufiger vor. Interessanterweise findet er in deutschsprachigen Büchern (rot) inzwischen rund dreimal häufiger Erwähnung als in englischsprachigen (blau). Skala: 10^-6 Prozent. Datenquelle: Google Books Ngram

Ähnlich wie Jugendschutzregeln, die Eltern dabei helfen sollen, passende Inhalte für ihre Kinder auszuwählen, können Triggerwarnungen einen bewussteren Umgang fördern: Wer zum Beispiel weiß, dass er auf Details über schwere Verbrechen, Unfälle oder Kriegsgeschehen stark reagiert, bekommt durch den Hinweis vorab mehr Möglichkeiten.

Doch helfen Triggerwarnungen wirklich oder handelt es sich dabei eher um eine symbolische, womöglich „woke“ Handlung, mit der man eher die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Identität ausdrückt? Und wenn sie helfen, wie sollten sie idealerweise gestaltet sein? Ein Team aus der Psychologie um Philipp Herzog von der Universität Kaiserslautern-Landau hat das jetzt experimentell untersucht.

Brutale Filme

Die Forscherinnen und Forscher suchten dafür über soziale Medien, Newsletter und Flyer Probanden. Von den Freiwilligen wurden 59 vom Versuch ausgeschlossen, weil sie akut unter posttraumatischem Stress oder einer anderen psychischen Störung litten. Personen mit traumatischen Erfahrungen in der Vergangenheit wurden aber gerade nicht ausgeschlossen, weil sie für den Versuch über Trigger besonders aufschlussreich waren.

Die verbleibenden 143 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten sich im psychologischen Labor ein paar Filmausschnitte anschauen. Wie in dieser Art von Forschung üblich, verriet man ihnen im Voraus nicht den genauen Zweck der Forschung – also die Untersuchung von Triggerwarnungen. Stattdessen erzählte man ihnen eher allgemein, dass es um das Wiedererleben von Inhalten aus brutalen Filmen gehe.

Das Filmmaterial dauerte insgesamt rund 13 Minuten und enthielt Gewaltszenen aus dem Film Irréversible (2002) von Gaspar Noé, Antichrist (2009) von Lars von Trier sowie die Darstellung eines tödlichen Autounfalls. Dabei zeigte eine Szene aus Irréversible sexuelle Gewalt von einem Mann gegen eine Frau und eine aus Antichrist sexuelle Gewalt von einer Frau gegen einen Mann.


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Verschiedene Triggerwarnungen

Um den Effekt von Triggerwarnungen zu untersuchen, wurden die 143 Personen nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen unterteilt: Die Kontrollgruppe erhielt gar keine Triggerwarnung, sondern nur einen Hinweis zur Altersfreigabe. Die erste Zielgruppe erhielt eine nur allgemeine Warnung, dass das Video verstörende Inhalte enthält.

Die dritte Zielgruppe wurde ausführlich über die Art der Inhalte – sexuelle, körperliche Gewalt und Tod – informiert. Außerdem wurde sie über die möglichen Folgen solcher Inhalte informiert, wie negative Emotionen oder das Wiedererleben bestimmter Szenen.

Um festzustellen, wie sich der Hinweis beziehungsweise die Warnungen auswirken, füllten die Versuchspersonen verschiedene Fragebögen vor und nach dem Betrachten der Filmausschnitte aus. Dabei ging es vor allem um das Erleben negativer Emotionen. Die folgenden drei Tage nach dem Besuch im psychologischen Labor sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer außerdem in einem Tagebuch festhalten, ob sie unangenehme Inhalte aus den Filmen wiedererlebten. In der Psychologie spricht man hier von „Intrusionen“ (etwa: sich aufdrängende Gedanken oder Erlebnisse).

An der Studie nahmen Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren teil. Rund zwei Drittel waren weiblich. Das Durchschnittsalter der drei Gruppen betrug rund 25 bis 26 Jahre. Mit 86 bis 96 Prozent hatten fast alle eine Hochschulreife. Anders als man es psychologischer Forschung oft vorwirft, wurden hier also nicht nur Studierende untersucht – aber eine gewisse Verzerrung in Richtung einer jungen, gebildeten Gruppe lag dennoch vor.

Wie sollten sich die Versuchsbedingungen auf das Erleben der Filme auswirken?

Art der Warnung macht Unterschied

In der jetzt in der Fachzeitschrift Cognition and Emotion veröffentlichten Studie „How to design a trigger warning“ wurden die Ergebnisse statistisch ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die ausführliche Triggerwarnung tatsächlich einen Unterschied machte: Die Versuchspersonen berichteten rund 45 Prozent weniger Intrusionen, also Wiedererleben der Filminhalte, als in der Gruppe mit der allgemeinen Triggerwarnung. Der Tendenz nach wurden dann auch weniger negative Emotionen erlebt und fühlten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr respektiert, doch blieben diese Unterschiede unter der Schwelle für statistische Signifikanz.

Triggerwarnungen können also einen Unterschied machen – wenn man sie richtig formuliert. Das inzwischen in Mode gekommene tumbe Rufen des Worts „Triggerwarnung“ scheint jedoch eher nicht hilfreich zu sein. Laut den Psychologinnen und Psychologen dieser Studie können nähere Details über die Inhalte den Personen dabei helfen, sich gezielt darauf vorzubereiten – und dann auch angemessen zu reagieren.

Wie in solchen Studien üblich, sind die Ergebnisse differenziert zu betrachten. In der Tendenz sind sie aber deutlich: Ausführliche Triggerwarnungen können hilfreich sein. Dabei sollte man berücksichtigen, dass es sich hier um kein Experiment handelte, das gezielt nur die Erfahrung traumatisierter Menschen untersuchte. Das heißt, bei der Untersuchung besonders anfälliger Gruppen könnten die Unterschiede durch die Triggerwarnungen größer ausfallen.

Ob man eine Triggerwarnung verwendet oder nicht, sagt damit letztlich etwas darüber aus, ob man an die Bedürfnisse bestimmter Zielgruppen der Kommunikation oder Medien denkt. Unsinnig ist das nach den jetzt vorliegenden Daten keinesfalls.

Bei der Konkurrenz um Aufmerksamkeit in sozialen Medien oder von Streamingdiensten sollte man berücksichtigen, dass der bloße Hinweis „Triggerwarnung“ oder vielleicht abgekürzt nur als „TW“ eher nicht hilft. Aber auf diesen Plattformen geht es ja darum, die größte Verbreitung beziehungsweise Konsumzeit zu erreichen. Damit haben diese Anbieter gerade kein Interesse an einer Handlungsalternative, die auch im vorliegenden Experiment nicht angeboten wurde: nämlich einfach wegschauen beziehungsweise weiterklicken.


Abbildung: basierend auf Walter Knerr, Pixabay-Lizenz.

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