Stimmt die verbreitete Ansicht, dass mit steigenden Medikamentenverschreibungen die Suizidrate sinkt?
Am 10. September jährte sich wieder der Jahrestag zur Prävention von Suizid. Gedanken an den Tod und Suizidversuche sind ein mögliches Symptom der depressiven Störung, die in den letzten Jahren immer häufiger diagnostiziert wird. Auch die Medikamentenverschreibungen sind stark angestiegen. Übrigens sollte man daraus nicht schlussfolgern, dass jeder Suizid in Zusammenhang mit einer psychischen Störung steht.
Bevor wir uns aktuelle Zahlen ansehen, ist noch eine Bemerkung zu den sogenannten „Antidepressiva“ wichtig. Gemäß der neuen Konvention setze ich die Bezeichnung in Anführungszeichen: Denn einerseits ist die Wirksamkeit der Medikamente bei Depressionen nach wie vor Gegenstand wissenschaftlicher Debatten; andererseits werden sie seit Jahren auch oft bei Angst-, Ess-, posttraumatischen Belastungs- und Zwangsstörungen verschrieben.
Trotzdem liegt der Gedanke nicht fern, dass die gegen Depressionen verschriebenen Medikamente das Suizidrisiko senken. In den frühen 2000ern kamen aber Studien auf, die tatsächlich – gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen – ein erhöhtes Risiko durch „Antidepressiva“ für Gedanken an den Tod und Suizidversuche belegten.
Bis heute streitet man sich darüber, was die richtige Datenbasis und Auswertungsmethode ist. Dabei ist ein Problem, dass Suizide – zum Glück! – eher selten sind. Darum bedeuten einige Fälle mehr oder weniger aus statistischer Sicht einen großen Unterschied. Klar ist allerdings, dass die wissenschaftliche Sucht nach Erfolgsgeschichten („publication bias“) und die Finanzierung vieler Studien durch die Pharmafirmen das Problem wahrscheinlich unterschätzen.
Tipp: Mit einem Abonnement des Newsletters verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.
Aktuelle Daten
Die in Internetforen immer noch gerne kolportierte Meinung, die stark zugenommene Verschreibung der „Antidepressiva“ hätte die Suizidrate gesenkt, lässt sich nach heutigem Kenntnisstand aber nicht mehr halten. Zur Veranschaulichung habe ich Daten aus den USA und Deutschland zusammengetragen.

Beschreibung: In den USA stieg in den zehn Jahren von 2009 bis 2018 die Suizidrate von rund 12 auf 14 pro 100.000 (rote Linie, rechte Skala). Im selben Zeitraum stieg tendenziell auch der Konsum der „Antidepressiva“ von rund 11 auf 14 Prozent, hier dargestellt als 30-Tage-Prävalenz der Erwachsenen (blaue Linie, linke Skala). Datenquelle: cdc.gov
In Deutschland sieht das Muster anders aus.

Beschreibung: Im hier dargestellten Zeitraum von 2005 bis 2023 fluktuierte die Anzahl der Suizide in Deutschland grob zwischen 9000 und 10000 Fällen pro Jahr (rote Balken, linke Skala). Währenddessen stieg die Verschreibung der „Antidepressiva“ in etwa um das Zweieinhalbfache auf über 1,8 Milliarden Tagesdosen (blaue Linie, rechte Skala). Das sind genug Medikamente für die tägliche Behandlung von fünf Millionen Deutschen. Datenquelle: Statistisches Bundesamt; Arzneiverordnungs-Report; Perspektiven aus der Depressions-Epidemie
Eine systematische wissenschaftliche Analyse für Italien, Österreich und die Schweiz für die 1950er- bis 2010er-Jahre fand ebenfalls keinen systematischen Zusammenhang auf gesellschaftlicher Ebene. Im neuesten Arzneiverordnungs-Report heißt es dazu jetzt aber: „Die neuste Meta-Analyse zu diesem Thema kommt zu dem Ergebnis, dass die neueren Antidepressiva (Noradrenalin/Serotonin-Verstärker) … grundsätzlich das Suizidrisiko bei Erwachsenen signifikant erhöhen. … Diese Ergebnisse stimmen nachdenklich und fordern zur Vorsicht auf.“
Fazit
Dass mehr Verschreibungen von „Antidepressiva“ die Suizidrate senken, lässt sich nicht belegen. In Einzelfällen könnte sogar das Gegenteil der Fall sein. Darum wird empfohlen, Patientinnen und Patienten am Anfang oder bei einer Umstellung der psychopharmakologischen Behandlungen aufmerksam auf Suizidalität zu untersuchen. Ein klares Fazit zieht auch der klinische Psychologe und Suizidforscher Martin Plöderl, der sich sehr intensiv mit der Datenlage beschäftigt hat:
„Mit ziemlicher Sicherheit kann man jedoch sagen, dass Antidepressiva das suizidale Verhalten insgesamt nicht verringern. Anders gesagt: Die Behauptung, ‚Antidepressiva seien lebensrettend‘, wird durch die Studienlage nicht gestützt, zumindest nicht für den durchschnittlichen Patienten. Dies ist bemerkenswert, wenn man an die verbreitete Annahme denkt, Antidepressiva würden Depressionen, einen der wichtigsten Risikofaktoren für Suizid, wirksam behandeln. Eine Verringerung des suizidalen Verhaltens wäre natürlich zu erwarten, aber in den Studien lässt sich dies nicht beobachten.“
Wer die Medikamente schon länger nimmt, sollte aber nicht einfach so aufhören, sondern das mit seinem Arzt besprechen. Das Absetzen kann nämlich zu Entzugserscheinungen führen. Das nennt man aber nicht – wer hätte das gedacht? – „Abhängigkeit“ oder gar „Sucht“, sondern: „SSRI-Absetzsyndrom“. Es gibt ja so schon laut offiziellen Zahlen 1,8 Millionen medikamentenabhängige Erwachsene in Deutschland.
Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.

Erfahren Sie mehr über die „Depressions-Epidemie“ im neuen Buch von Stephan Schleim: Was sind Depressionen überhaupt? Wie werden sie diagnostiziert? Wie veränderte sich das Störungsbild im Laufe der Zeit? Warum wird es in den letzten Jahrzehnten so viel häufiger diagnostiziert und haben sich die Medikamentenverschreibungen verfielfacht? Das Buch kombiniert 27 alte und neue Perspektiven aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie mit viel Orientierungswissen zum Verstehen, Vorbeugen und Heilen. Das eBook gibt es für nur 9,99 Euro bei Amazon, Apple Books und Google Play Books.
Abbildung: von Thanks for your Likes, Pixabay-Lizenz.

