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Studie: Verbessert Cannabis die Gehirn-Vernetzung und die Empathie?

In den Medien hört man viel über die Risiken der beliebten Droge. Mexikanische Forscher fanden im Hirnscanner eine mögliche Verbesserung.

ein Gastbeitrag von Dr. Wiebke Schick

Es passierte kurz vor Weihnachten: ich blätterte im Zug durch ein Journal und war in Gedanken bei den Feiertagen, den Familienfeiern sowie dem Stress, der dadurch entsteht – und lese da: Cannabisnutzer zeigen mehr Empathie! Ich wusste sofort: Das muss auf die Bühne!

Die Autoren der Studie hatten eine dichtere Vernetzung im Gehirn von Cannabis-Nutzern in der Gürtelwindung, im Gyrus cinguli, festgestellt. So eine dichtere Vernetzung entsteht, wenn die Nervenzellen immer wieder gemeinsam aktiv werden: es bilden sich zwischen den Nervenzellen weitere Synapsen, also weitere Kontaktstellen, und durch mehr Kontakte werden die Netzwerke größer und die Informationsübertragung schneller. Durch diese häufige gemeinsame Aktivierung steigt auch die Wahrscheinlichkeit, in Zukunft wieder gemeinsam aktiv zu werden. Das passiert beim Lernen, und ist der Grund, wieso wir in so unterschiedlichen Gebieten wie Turmspringen, den Regierungszeiten der römischen Kaiser und der Fantasiesprache Klingonisch mit ausreichend Wiederholung zu Experten werden können, um nur einige Beispiele zu nennen.

Solch ein Zuwachs an Verbindungen zwischen den Nervenzellen war bei den Cannabisnutzern in der Region entdeckt worden, die an der Entstehung von Empathie beteiligt ist. Hier feuern also die Neurone, wenn wir die Perspektive eines Mitmenschen einnehmen, wenn wir nachvollziehen, warum sie oder er jetzt so empfindet. Möglich, dass wir uns von der Stimmung anstecken lassen und mitschwingen, möglich, dass wir eine Erwartung anstellen, was als Nächstes passiert, und uns darauf vorbereiten, passend zu reagieren. Es kann überlebenswichtig sein, zu erkennen, ob jetzt eine Umarmung angebracht ist – oder die Flucht!

Allerdings kann man aus den MRT-Aufnahmen und den Fragebögen nicht feststellen, ob die bessere Vernetzung und die Tendenz zu sozialeren Antworten durch das Tetrahydrocannabinol verursacht werden – oder dadurch, dass es die Nutzer immer wieder in einen Zustand versetzt, in der sie an das Wohl anderer denken und sich mit dem Befinden ihrer Mitmenschen auseinandersetzen. Dieses wiederholte Aktivieren derselben neuronalen Netzwerke – landläufig auch „Lernen“ genannt – verstärkt die synaptischen Verbindungen zwischen den daran beteiligten Neuronen, und erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Neurone in Zukunft wieder gemeinsam aktiv werden. In mehreren Studien wurde durch wiederholtes Training eine Verbesserung des empathischen Verständnisses beobachtet, sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen.


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Überraschende Botschaften

Schon beim ersten Auftritt fiel mir auf, wie erstaunt sowohl Veranstalter als auch Zuschauer darüber waren, jenseits von medizinischen Anwendungen etwas Positives über Cannabis zu hören. Das Publikum bestand aus zwei Gruppen: den Begeisterten und den Besorgten. Da immer wieder dieselben Fragen gestellt wurden, begann ich zu recherchieren, und baute die Antworten in Form eines Publikumsquiz ein, wodurch ich einen noch genaueren Eindruck davon bekam, was gewusst, gedacht und befürchtet wurde.

Begeisterung zeigt sich oft so: ein Jugendlicher strahlt erst mich an, dann seine Mama und freut sich: „Siehst du, Mama, Kiffen tut mir gut!“

Die Besorgten dagegen sprechen von psychischen Erkrankungen sowie von Cannabis als Einstiegsdroge. Die These von der Einstiegsdroge wurde schon 1994 vom Bundesverfassungsgericht verworfen. Die typischen Einstiegsdrogen sind Nikotin und Alkohol. (Hier bei MENSCHEN-BILDER wurde zuvor eine Studie in der angesehenen Fachzeitschrift Science aus den 1970er-Jahren behandelt, die schon 20 Jahre vorher den Mythos von Cannabis als Einstiegsdroge widerlegte.)

Gefahren von Cannabiskonsum

Zusammenhänge wurden aber auch bei der Verursachung von psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie oder Psychosen gefunden. Eine eindeutige Zuordnung von Cannabis als alleiniger Auslöser war aber nicht möglich: Viele dieser Studien untersuchten Menschen, die das Cannabis in der Pubertät konsumiert haben. Die Pubertät ist aber bei allen, auch bei Nicht-Konsumenten, die Zeit, in der die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, dass psychische Erkrankungen bemerkbar werden.

2018 wurden fast 185.000 Teilnehmer für eine Studie zu Cannabis und Schizophrenie genetisch untersucht. Die Beweislage für die Rolle des Cannabis bei der Entstehung von Schizophrenie war schwach. Die Forscher machten aber eine andere Entdeckung: Personen, die bestimmte Gene in sich tragen, die mit der Krankheit in Verbindung gebracht werden, neigen eher zum Cannabiskonsum.

Wie sieht es aber bei den Cannabis-Nutzern mit der Gefahrenwahrnehmung aus? Anders gefragt: ist das Gras wirklich grüner auf der anderen Seite? Die Befürworter hatten oft schon persönlich positive Erfahrungen gemacht, und viele erzählten mir, dass sie die Gesellschaft anderer mehr genießen konnten, wenn sie entspannt und gut drauf waren. Das Studienergebnis war für viele Bestätigung der eigenen Erfahrung. Eine Förderung des sozialen Verhaltens durch Cannabis stellten auch Vigel und Kollegen ihrer Studie „Cannabis consumption and prosociality“ fest.

Wenn ich die Begeisterten fragte, warum sie zum Gras griffen, wurden oft Entspannung und Spaß genannt. Das deckt sich mit den Antworten des BZgA-Forschungsbericht / 2025 Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2023. Für diesen Bericht wurden Jugendliche und junge Erwachsene wurden nach ihrem Konsum befragt, der zu dem Zeitpunkt ja noch illegal war.

Gefragt wurde auch nach der Einschätzung der Risiken des Cannabiskonsums: Obwohl die Mehrzahl der befragten Jugendlichen den Konsum für schädlich oder sehr schädlich hielt, war das Wissen über negative Folgen begrenzt, die häufigste Antwort war „weiß nicht“ (S. 59). Ist das ein Grund, weshalb so viele Nutzer ihren Konsum nicht als Risiko einschätzen? Denn obwohl der Konsum allgemein als schädlich eingeschätzt wurde, hielt der Großteil der Befragten den eigenen Konsum für unbedenklich: 83,7 % der jugendlichen Nutzer gaben an, dass sie sich nie Sorgen über ihren Konsum machten, und bei den jungen Erwachsenen ging es 74,1 % genauso (S. 58).

Cannabis und Altersgrenzen

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) warnte in einer Stellungnahme vor den Auswirkungen von Cannabis auf das reifende Gehirn. Als Richtwert für die vollständige Entwicklung gilt das Alter von 21 Jahren. Vor allem die Reifung der Nervenzellen und die Myelinisierung, also die Bildung der umhüllenden Schichten, die für die Geschwindigkeit der Signalweiterleitung im Gehirn entscheidend ist, werden vom Cannabiskonsum beeinträchtigt.

Salopp gefragt: Was verbaut man sich vielleicht in der Jugend, wenn man da gerne mal einen Joint baut? Bis wir erwachsen sind, finden in unseren Gehirnen viele Umbauprozesse statt. Wir können uns das vorstellen wie die Entwicklung des Verkehrsnetzes einer Stadt: während sie wächst, kommen neue Verbindungen und Abzweigungen dazu, und viel befahrene Strecken werden erweitert, erhalten eine zweite Spur, während auf der Straße zu einem Ort, an dem wenig los ist, auch wenig Verkehr ist.

Wenn der Aufbau des Verkehrsnetzes von außen gestört und behindert wird, hat das Folgen für den späteren Verkehrsfluss. Übertragen auf das Gehirn heißt das, dass man noch zu wenig weiß, um vorherzusagen, welche Strecken dann eventuell nicht optimal ausgebaut werden, und bei welchen Fähigkeiten, Eigenschaften und Gewohnheiten Cannabis Einfluss nimmt. Denn sie wissen nicht, was sie tun – das trifft hier zu.

Eine Freigabe erst ab dem 21. Lebensjahr wäre eine Möglichkeit gewesen, dieses Wissen um die Gehirnreifung publik zu machen und es mit einer verständlichen und genauen Analyse der Auswirkungen zu verbinden. Da mag vielleicht der eine oder andere Kopf rauchen, aber vielleicht verdampft damit ein Teil dieses gefährlichen Halbwissens!

Es gibt also noch viel zu diskutieren – am besten empathisch, und mit der Bereitschaft, sich das ganze Bild anzuschauen. Und wenn mich wieder ein Moderator fragt, ob ich Marihuana als Weg zu einer friedlicheren Welt sehe, antworte ich: Die Entscheidung, ob Cannabis der Weg zu mehr Wohlbefinden ist, sollte jeder für sich selber treffen dürfen – aber erst wenn er dazu in der Lage ist – neuroanatomisch gesehen! Denn erst dann ist es für die Hirnentwicklung egal, ob das Mehr an Wohlbefinden durch mehr Entspannung oder weniger Schmerzen entsteht – oder durch friedliche Feiertage!

Über die Autorin

Dr. Wiebke Schick ist Neuro-, Sprach- und Datenwissenschaftlerin. Bisher hat sie vor allem untersucht, was im Gehirn passiert, wenn wir ein Navigationsgerät nutzen, also Wegbeschreibungen folgen, und wie Sprache die Wahrnehmung und Erinnerung beeinflusst. Grundlage für all das ist die Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich zu verändern und anzupassen. Das passiert nicht nur in neuen Umgebungen, sondern kann auch durch Substanzen ausgelöst werden, zum Beispiel Alkohol und Cannabis. Und der Konsum wiederum hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung, auf die eigene, und die der Mitmenschen. Seit zwei Jahren tritt sie bei Science Slams mit einem Cannabis-Slam auf. Dieser Blogbeitrag ist ihr Erfahrungsbericht, es handelt sich sozusagen um eine (Hanf-)Feldstudie.

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Abbildung: von Erin Stone, Pixabay-Lizenz.

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