Verschafft eine neue, mit Millionen geförderte deutsche Studie jetzt Klarheit?
Spätestens seit dem internationalen Bestseller How to Change Your Mind? (2018) des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Michael Pollan sind psychedelische Substanzen kein Nischenthema mehr. Der vollständige Titel in der deutschen Übersetzung von 2019 verrät mehr über die Breite des Themas: Verändere dein Bewusstsein. Was uns die neue Psychedelika-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt.
Bei Psychedelika, so scheint es, ist keine Frage zu groß: besser gesunden, besser leben, sogar besser sterben. 2022 folgte eine Serie von Netflix-Dokumentationen mit Pollan.
Inzwischen ist die Fülle an Ratgebern und anderen Medien zum Thema kaum noch überschaubar. Und wer nicht einfach über sich selbst schreiben will, weil das vielleicht egoistisch wirkt, schreibt halt über seinen Trip: „Wie ich endlich zu mir selbst fand und nebenbei noch meine psychischen Probleme in den Griff bekam.“
Die Erwartungen sind hoch. Gerade Patientinnen und Patienten mit schweren Depressionen hoffen auf einen Durchbruch, auch solche mit der Diagnose Schizophrenie. Sind wir dem jetzt einen Schritt näher gekommen?
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Psychiatrische Krise
Dass man inzwischen selbst Millionenförderung für diese Forschung erhält und die Ergebnisse in den führenden Fachzeitschriften publizieren kann, hat meines Erachtens mit einer doppelten Krise der Psychiatrie zu tun. Psychedelika-Forschung ist ja alles andere als neu. Man experimentierte damit schon in den 1950ern und 1960ern, auch in der Wissenschaft. Die erste Krise sehe ich darin, dass die vorherrschende biologische Psychiatrie dem Dogma nicht gerecht wird, dass psychologisch-psychiatrische Störungen Gehirnstörungen sein sollen.
Ja, warum kann man sie dann allen modernen Hirn- und Gen-Tests zum Trotz nicht biologisch diagnostizieren? Warum ist man immer noch auf Gespräche, Fragebögen und Beobachtung angewiesen? Und warum kann man auch den Erfolg einer Therapie nicht einfach im Körper nachweisen? Diese Tatsache wird auch bei der Besprechung der neuen Studie zu Psychedelika weiter unten eine Rolle spielen.
Die zweite Krise besteht in der stetigen Zunahme der Krankheitslast durch die Störungsbilder: Dass es immer mehr psychologisch-psychiatrische Diagnosen gibt, liest man seit Jahren in den Nachrichten. Vor Kurzem behandelte ich hier die Vervielfachung der Erwachsenen-ADHS seit der Coronaviruspandemie. Die Diagnosen von Angst- und depressiven Störungen steigen schon viel länger. Von den sogenannten Antidepressiva werden in Deutschland inzwischen jährlich über 1,8 Milliarden Tagesdosen verschrieben – genug für die tägliche Behandlung von fünf Millionen Menschen.
Man würde sich ja wünschen, dass diese Mittel – neben dem Anstieg von Psychotherapie sowie Magnet- oder Strombehandlungen für das Gehirn – den Betroffenen helfen. Doch im Ergebnis nimmt deren Leiden, zum Beispiel in Zeiten der Arbeitsunfähigkeit ausgedrückt, immer weiter zu. Dementsprechend war es keine Übertreibung, dass ich meinem neuen Buch zum Thema den Begriff „Depressions-Epidemie“ in den Titel geschrieben habe.
Neues Buch zur Depressions-Epidemie

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Dann halt Psychedelika!
Man könnte die Krise so zusammenfassen, dass einerseits die von den Fachleuten seit Jahrzehnten gemachten Versprechen über bessere Behandlungen und weniger Ausgrenzung nicht eingelöst werden; und andererseits die Probleme immer größer werden, obwohl man immer mehr dagegen unternimmt. Ich schlug schon vor fünf Jahren vor: Psychiatrie: Gebt das medizinische Modell endlich auf! Schaut weniger aufs Gehirn und mehr auf die Lebensumstände, in denen die Störungen entstehen.
Doch Dogmen können sich selbst in der Wissenschaft sehr lange halten. In Anlehnung an ein berühmtes Zitat von Max Planck: Sie sterben am Ende mit denjenigen, die sie vertreten. Anstatt anders zu suchen, sucht man lieber auf die gleiche Weise, doch mit anderen Mitteln. Und so kamen die Psychedelika ins Rampenlicht.
Diejenigen, die am Gehirndenken festhalten wollen, rufen jetzt, Psilocybin, LSD & Co. würden die Neuroplastizität erhöhen. Damit meint man, dass mehr Zellverbindungen entstehen. Nebenbei: Dasselbe behaupten diese Leute jetzt auch über die sogenannten Antidepressiva, wo sich die These vom Serotonin-Mangel zum Beispiel bei Depressionen als unhaltbar erwiesen hat.
Und nebenbei zwei: Die Neuroplastizität dürfte man auch mit Psychotherapie oder überhaupt vielen Aktivitäten, einschließlich ausgedehnter Spaziergänge in der Natur, Sport oder aktiven Hobbys erhöhen. Das Gehirn ist schließlich ein plastisches Organ und passt sich an das an, was wir mit Körper und Geist so machen.
Ein anderes – und tendenziell euphorischeres – Lager hält Psychedelika aber wegen der psychedelischen Erfahrung für vielversprechend. Dabei bedeutet „psychedelisch“ erst einmal nur, dass sie das Bewusstsein verändern oder wortwörtlich: dass sie etwas in der Psyche offenbaren. Damit ist „psychedelisch“ kein klar pharmakologisch bestimmbarer Begriff, sondern ergibt sich aus dem, was Menschen durch die Einnahme solcher Mittel erfahren.
Neue Studie
Ob sich das klinisch und insbesondere zur Behandlung depressiver Störungen nutzen lässt, sollte ein groß angelegtes Forschungsprojekt unter der Leitung von Gerhard Gründer, Professor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, klären. Er und seine Forschungspartner erhielten dafür seit Ende 2020 mehrere Millionen vom Bundesforschungsministerium.
Kritischen Journalisten fielen damals schon außergewöhnliche kommerzielle Interessen auf, auf die ich im zweiten Teil näher eingehen werde. Doch was für ein Fauxpas: Gründers Geschäftspartner stellte die Millionenförderung wohl schon als bewilligt dar, bevor das Ministerium die Entscheidung getroffen hatte. Die Ministerialbeamten waren nicht erfreut. Aber vielleicht verleihen Psilocybin-Pilze ja die Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen?
Wie dem auch sei: Dass man der Frage nach der Wirksamkeit wissenschaftlich nachgeht, ist angesichts des Hypes um Psychedelika natürlich richtig. Ich selbst bin auf den Zug nicht aufgesprungen, weil für mich Depressionen und andere psychische Störungen keine „Gehirn-Dinge“ sind, sondern in einer komplexen Wechselwirkung von Körper, persönlicher Erfahrung und der Umgebung entstehen.
Wären Psilocybin, LSD & Co. wirklich Wundermittel, hätte man das schon in den 1960ern herausgefunden. Oder bereits in den 1950ern, als es klinische Studien mit dem psychedelischen Meskalin aus der Frucht des Peyote-Kaktus gab. Diesen Mitteln ist gemeinsam, dass sie die Funktion des Botenstoffs Serotonin im Gehirn beeinflussen. Doch wie sie das genau tun, ist ein sehr komplexes Thema.
Für die neue Studie unter der Leitung Gründers wurden von 2021 bis 2024 144 Menschen – ausgewählt aus über 3000 Freiwilligen – mit mittleren bis schweren Depressionen behandelt, die von pharmakologischen Therapien nicht langfristig profitiert hatten. Damit galten sie als „therapieresistent“. Die Ergebnisse wurden am 19. März dieses Jahres am Zentralinstitut in Mannheim vorgestellt.
Die Studienergebnisse
In der Pressemitteilung ist von einer „bedeutsamen antidepressiven Wirkung“ die Rede. Das klingt vielversprechend. Ein Blick in die am 18. März in der einflussreichen Zeitschrift JAMA Psychiatry veröffentlichte Studie relativiert das allerdings. Dort ist in der Schlussfolgerung von einem „unschlüssigen Versuch“ (inconclusive trial) die Rede. Doch der Reihe nach.
Man muss erst einmal verstehen, wie die Depressivität der Versuchspersonen gemessen wurde. Hierfür verwendete man hauptsächlich eine 52-Punkte-Skala, die auf die Forschung des emigrierten Deutsch-Briten Max Hamilton (ursprünglicher Name: Himmelschein) in den 1960ern zurückgeht. Je höher die Punktzahl aufgrund von Fragen zum Beispiel zur Schwere der Niedergeschlagenheit, von Schlafproblemen, Libidoverlust oder Gewichtsveränderungen, desto schlimmer die Depressionen. Ab 17 Punkten spricht man von einer moderaten, ab 25 von einer schweren depressiven Störung.
Das Hauptziel der Studie war, die so gemessene Punktzahl zu halbieren. Dieses Ziel wurde in der Breite verfehlt.
Die trotzdem berichtete „bedeutsame Wirkung“ besteht darin, dass sieben und zwölf Wochen nach dem Start des Versuchs der Depressionswert im Schnitt um sieben bis acht Punkte niedriger war als am Anfang. Dadurch dürften einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einen niedrigeren Schweregrad gerutscht sein und ein paar sogar unter den Grenzwert für die depressive Störung. Das Ergebnis ist also nicht nichts – aber wirkt im Vergleich zum Hype ernüchternd.
Demgegenüber standen Nebenwirkungen wie unangenehme Wahrnehmungsverzerrungen und bei jeweils 4 Prozent Paranoia oder Suizidgedanken nach der Psilocybin-Gabe. Insgesamt ist in 28 Prozent der Fälle von ernsthaften Nebenwirkungen die Rede, verglichen mit 8 Prozent nach dem Placebo. Diese waren jedoch in der Regel von vorübergehender Art.
Das Placebo-Problem
Doch, Stichwort „Placebo“, hier lauert ein großes Problem der Psychedelika-Forschung: Schon bei der Untersuchung der sogenannten Antidepressiva wird die eigentlich nötige Placebo-Kontrolle oft durchbrochen. Das liegt daran, dass einige Versuchspersonen und klinische Fachleute aufgrund der Nebenwirkungen darauf schließen können, wer den Wirkstoff bekommen hat. Dabei sollen mit den Placebos die Wirkungen der subjektiven Erwartungen der Teilnehmenden und der Behandlungssituation abgezogen werden.
Nun gibt es für Psychedelika per Definition keine echte Placebo-Kontrolle. Wir wir gesehen haben, werden diese Mittel gerade über ihre Bewusstseinseffekte charakterisiert. Ob man einen psychedelischen Trip hat oder nicht, das weiß man im Prinzip immer – jedenfalls bei einer starken wirksamen Dosis wie den 25 mg Psilocybin in der neuen Studie.
Das brachte Mediziner an der Stanford-Universität auf die pfiffige Idee, Depressiven bei einem chirurgischen Eingriff unter Vollnarkose – natürlich nach Aufklärung und Einwilligung – das Rauschmittel Ketamin zu geben. Dieses wird in jüngerer Zeit auch als Antidepressivum verwendet. Damit konnte man sozusagen denn Bewusstseinseffekt gesichert abziehen und zuverlässig mit einem Placebo kontrollieren. Im Ergebnis zeigte die 2024 in Nature Mental Health veröffentliche Studie dann aber auch keinen positiven Effekt. Das spricht für einen Placebo-Effekt bei bewusster Einnahme.
Aufgrund der langfristigen psychedelischen Wirkung von Psilocybin über viele Stunden hinweg, wäre so ein Vorgehen hier problematisch. Stattdessen wurden in der Studie unter der Gründers Leitung neben 25 mg in Kontrollbedingungen 5 mg des Psychedelikums verabreicht oder stattdessen Nicotinamid, eine Form von Vitamins B3. Und nicht zu vergessen: Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten bei dem Versuch psychotherapeutische Begleitung. Daher spricht man auch von „psychedelisch-augmentierter Psychotherapie“.
Zwischenfazit
Das Zwischenfazit so weit: Die neue Studie erbrachte nicht den erhofften Durchbruch. Es gab im Durchschnitt eine gewisse Verringerung der Depressivität, deren Bedeutung wir im zweiten Teil des Artikels weiter thematisieren. Darin wird es auch um die finanziellen Interessen hinter dieser Forschung gehen.
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Abbildung: basiert auf Ivana Tomášková, Pixabay-Lizenz.

