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ADHS in den Medien: Was läuft schief? Beispiel Quarks

Die gesellschaftlichen Folgen von zu viel Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeitsstörung

Ich habe hier gerade von der Versechsfachung der ADHS-Diagnosen in bestimmten Gruppen geschrieben und diesen Trend gesellschaftlich gedeutet. Wenn es so große Veränderungen in so kurzer Zeit gibt, sollte man kritisch nachbohren. Andere meinen, man würde jetzt Fälle diagnostizieren, die man früher übersehen habe. Aha. Es war da, schweres psychisches Leiden, doch niemand sah es?

Auch die Wissenschaftssendung „Quarks“ vom ARD verbreitet diese Ansicht, zum Beispiel auf seinem Instagram-Account: Hinter dem Anstieg „stecken den Forschenden zufolge vor allem verspätete Diagnosen: Menschen, die seit der Kindheit Symptome zeigen, aber nicht diagnostiziert wurden.“ Bei den Quellen wird ein Psychiater aus Dresden genannt, bei dem man vielleicht einmal angerufen hat. Der muss es ja wisssen.

Auf der Internetseite von Quarks heißt es unter der Überschrift „Das solltest du über ADHS wissen“ zum Störungsbild: „Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin dort, wo sie benötigt werden, nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.“ Dort und auf Instagram wird das von einem Gehirnbild mit ein paar Blasen und Pfeilen begleitet. Ich habe hier auch so eine Abbildung für Sie vorbereitet:

Beispiel: Wie Autismus-Spektrum (links) oder ADHS (rechts) im Gehirn aussehen könnte – oder auch nicht. (von ElisaRiva, modifiziert / PixaBay Lizenz)

Nichts Genaues weiß man nicht

Die originale Quarks-Abbildung ist tatsächlich mit dem Hinweis „exemplarische Darstellung“ versehen. Das kennen wir eher aus der Werbung: Weil wir heute mal keine Lust aufs Kochen haben, kaufen wir uns eine Tiefkühlpizza. Und weil dieses gefrorene Etwas, das wir zu Hause aus der Verpackung schälen, doch sehr anders aussieht, steht auf der bunten Verpackung etwas wie „Serviervorschlag“ oder „Abbildung ähnlich“.

Nun reden wir bei ADHS aber nicht von Fertigmahlzeiten, sondern von Diagnosen, die Menschen bekommen – und deren Leben stark beeinflussen können. Die Journalisten ergänzen zu ihrer Quarks-Darstellung: „Was bei ADHD im Gehirn passiert, ist nicht sicher geklärt und sehr komplex.“

Aber dann sagt man doch gleich im ersten Satz: „Im Gehirn von Menschen mit ADHS stehen Dopamin und Noradrenalin … nicht in ausreichender Menge zur Verfügung.“ Wie passt das zusammen?


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Die Prä-ADHS-Ära

Die ADHS-Diagnose, wie wir sie kennen, gibt es erst seit 1980. Frühere Bezeichnungen waren „minimaler Gehirnschaden“ (engl. Minimal Brain Damage, MBD). In Reaktion auf die Beschwerden von Eltern schwächte man das in den 1960ern/1970ern ab zu „minimale Gehirndysfunktion“ (engl. Minimal Brain Dysfunction, auch MBD). Ärzte, die ihre Patient*innen mit Latein beeindrucken wollten, sprachen auch von der „minimalen zerebralen Dysfunktion“. Wer hat auch nicht gelernt, dass cerebrum der lateinische Name fürs Hirn ist?

Der Name „minimaler Gehirnschaden“ entstand tatsächlich nach der schweren Pandemie (ca. 1918 bis 1920) am Ende des Ersten Weltkriegs. Viele starben damals an der sogenannten Spanischen Grippe. Manche überlebten nach einer schweren Gehirnentzündung, mitunter in einem gelähmten Zustand. Einige Kinder zeigten nach der Hirnentzündung Verhaltensauffälligkeiten.

Deshalb kam man schließlich darauf, Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten auch ohne vorherige Gehirnerkrankung die MBD-Diagnose zu geben. Frei nach dem Motto: ähnliche Probleme, ähnliche Ursache. Eine verbreitete Alternativhypothese, dass es bei ihnen während der Geburt zu einem Sauerstoffdefizit gekommen war, ließ sich nicht bestätigen.

So redet man bald 100 Jahre über MBD und, wie Quarks, ein ADHS-Gehirn. Doch man konnte nie zeigen, was im Gehirn dieser Kinder, Jugendlichen und heute auch immer mehr Erwachsenen anders sein soll. Man glaubt an das ADHS-Gehirn, doch finden kann man es nie. Wie kann das sein? Und wie kann man das „Wissenschaft“ nennen?

Symptome

Wie bei allen anderen psychologisch-psychiatrischen Störungen, hat man es auch hier Symptomlisten zu tun. Diese beziehen sich in der Regel auf innere psychologische Vorgänge und äußeres Verhalten, manchmal auch körperliche Eigenschaften, zum Beispiel Gewichtsveränderungen bei Depressionen.

Bei ADHS gibt es zwei Haupttypen, den eher unaufmerksamen und den eher hyperaktiven/impulsiven. Für beide zählt das diagnostische Handbuch DSM-5-TR von 2022 neun Symptome. Für eine Diagnose müssen mindestens sechs eines Typs vorliegen – und übrigens schon vor dem Alter von 12 Jahren, früher sieben Jahren vorgelegen haben. In einem wissenschaftlichen Aufsatz habe ich errechnet, dass es darum satte 116.220 nach DSM gültige Formen von ADHS gibt.

Trotzdem ist jeder Mensch mit ADHS-Diagnose wieder anders. Kann er am Morgen anders sein als am Abend. In den Ferien anders als während der Schulzeit. Tatsächlich bauen manche in der Ferienzeit die Medikamente ab. Das ist schon eine komische medizinische Krankheit, die sich an unsere Ferienzeiten hält!

Kein Interesse?

Quarks informiert zu den (angeblichen) ADHS-Symptomen übrigens: „Es kann schwerfallen, fokussiert bei uninteressanten Aufgaben zu bleiben.“

Das mit den „uninteressanten Aufgaben“ ist äußerst interessant: Erstens steht das nämlich nicht bei den offiziellen Diagnosekriterien. Zweitens könnte man sich auch einmal fragen, ob das nicht völlig normal ist, dass man ohne Interesse schlechter aufpassen kann.

Interessanterweise(!) gehört das von Quarks genannte Symptom zu einem anderen Störungsbild, das eine Lobby von Kinderpsychologen und -psychiatern seit einiger Zeit einführen will: Denken im Schneckentempo (engl. Sluggish Cognitive Tempo, SCT). Angeblich sollen 5 Prozent der Kinder daran leiden und dieselben Medikamente wie bei ADHS helfen.

Ist diese Schnecke psychisch gestört – oder einfach nur langsamer als andere? (von Nennieinszweidrei / PixaBay Lizenz)

Man merkte schließlich selbst, dass „Schneckentempodenken“ kein guter Name ist, um eine Störung ins DSM zu bekommen. Dann könnte man viele neue Fachaufsätze publizieren und die Behandlung endlich bei den Krankenkassen abrechnen. So kam man später auf den Namen „Konzentrationsdefizitstörung“ (engl. Concentration Deficit Disorder, CDD).

Worin der Unterschied zwischen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefizit bestehen soll, müsste man erst einmal erklären. Ursprünglich sollte es sich dabei um eine unerkannte, dritte Hauptform von ADHS handeln – eben unter anderem mit dem Symptom, bei uninteressanten Aufgaben schlechter aufzupassen.

Doch inzwischen hat man sich auch davon wieder verabschiedet: Der Name des dritten Versuchs ist etwas schwerer zu übersetzen, vielleicht als „Syndrom kognitiver Distanzierung“ (engl. Cognitive disengagement syndrome, CDS). Und anders als SCT oder CDD soll das keine ADHS-Variante mehr sein, sondern ein eigenes Störungsbild.

Kurzschlüsse

Folgen Sie mir noch? Sind Sie vielleicht uninteressiert? Haben Sie es schon mit Psychopharmaka probiert?

Nein, bevor Sie medizinische Stimulanzien wie Amphetamin/Speed und Methylphenidat/Ritalin oder sogar Kokain nehmen – laut Professor Thomas Müller, Co-Präsident der Schweizerischen Fachgesellschaft für ADHS, kann eine positive Reaktion auf Kokain ein Hinweis auf ADHS sein –, klicken Sie lieber weiter.

SCT, CDD oder CDS sind noch nicht im DSM. Vielleicht wird sich das mit dem DSM-6 ändern. Die Entscheidung treffen führende Psychiaterinnen und Psychiater, von denen die Mehrheit übrigens Gelder von der Pharmaindustrie bekommt – die wiederum daran verdient, wenn immer mehr Störungsbilder ins diagnostische Handbuch aufgenommen und so beschrieben werden, dass man die Symptome mit ihren Psychopharmaka beeinflussen kann.

Auf der Quark(s)-Seite finden sich noch viel mehr Kurzschlüsse. Ein beliebter Fehler ist zum Beispiel eine Aussage wie: „So beeinflusst ADHS das Verhalten.“

Nein, das ist ein Denkfehler: Ihr ADHS macht sie nicht unaufmerksam, genauso wenig wie ihre Depression sie traurig macht. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Bestimmte Formen von Unaufmerksamkeit beziehungsweise bestimmte Formen von Traurigkeit nennen wir heute ADHS oder Depression.

Die allgemeinen Kriterien hierfür legen die genannten Fachleute fest. Im Einzelfall muss ein Arzt oder eine Therapeutin entscheiden, ob das individuelle Leiden oder die Probleme im Alltag groß genug sind, um eine psychologisch-psychiatrische Diagnose zu rechtfertigen. Das passiert in der subjektiven Abwägung – und ganz sicher nicht mit einem Blut-, Gen- oder Gehirntest.

Verdinglichung

Sätze wie „mein ADHS macht mich unaufmerksam“ machen aus der gerade beschriebenen sprachlichen Konvention medizinisch-psychologischer Fachleute ein Ding mit eigenen kausalen Kräften. Das grenz an Magie! In der Wissenschaft nennen wir das „Reifikation“ (von lat. res = Ding) oder schlicht „Verdinglichung“.

Manche erklären für sich und andere ihre Denk- und Verhaltensweisen anschließend damit, dass man das Wort in der medizinischen Akte mit ihnen verknüpft hat. Das ist zwar philosophisch und wissenschaftlich gesehen Unsinn, aus menschlicher Sicht aber nachvollziehbar: Denn im Bereich der Medizin entschuldigt man jemanden in der Regel für seine oder ihre (angeblichen) Mängel. Wenn nur das Problem der Stigmatisierung nicht wäre, dass manche Diagnosen gerade soziale Distanz erzeugen.

Die Verdinglichung geht oft mit einem anderen Fehlschluss einher: Die diagnostischen Kategorien, die einen Zustand nur beschreiben, werden jetzt als dessen Erklärung herangezogen.

Sprachliche Magie

Ein frappierendes Beispiel, das ich an dieser Stelle gerne zitiere, habe ich von meinem alten Bloggerkollegen Helmut Wicht gelernt, Biologe und früher Anatomiedozent an der Universität Frankfurt:

Stellen Sie sich vor, Sie haben um die Lippen herum eine entzündete (gerötete) Haut. Deswegen gehen Sie zum Dermatologen. Dieser gibt Ihnen eine Salbe und die Diagnose „periorale Dermatitis“. Vielleicht denken Sie jetzt: „Wow, was für eine Fachkompetenz! Mein Dermatologe hat herausgefunden, dass ich eine periorale Dermatitis habe!“

Dabei heißt „periorale Dermatitis“ schlicht „Entzündung (-itis) der Haut (derma) um den Mund (oris) herum (peri)“. Sie haben also schlicht das gesagt bekommen, was Sie schon wussten: dass Sie eine Entzündung um den Mund herum haben, denn sonst wären Sie ja nicht zum Hautarzt gegangen.

Warum der Arzt oder die Ärztin sich einer, nein sogar zweier – Latein und Altgriechisch werden hier vermischt – ausgestorbener Sprachen bedienen muss, um Ihnen zu erzählen, was Sie schon wussten, könnte man sich einmal überlegen. Wahrscheinlich wird so verschleiert, dass Ärztinnen und Ärzte auch nicht alles wissen. (Ein Prof in meiner Ausbildung: „Sage nie vor Patienten, dass du etwas nicht weißt!“ Das machte ihn in meinen Augen nicht vertrauenswürdiger.)

Und wofür früher solche Fremdsprachen verwendet wurden – in der Religion hat man die gläubigen Schäfchen damit auch lange Zeit beeindruckt, wenn nicht gar eingeschüchtert –, nimmt man heute gerne Abkürzungen: eben CDS, CDD, SCT, MBD oder ADHS.

Klar, mein Kind hat SCT (alias Schneckentempodenken). Jetzt ergibt alles Sinn!

Symptome und Ursachen

An dieser Stelle brodelt es in den Betroffenen mitunter. Sie sind wütend, fühlen sich nicht ernst genommen. Die philosophisch-wissenschaftliche Argumentation bedeute, dass man ihnen das Leid abspricht. Nein, das tut sie nicht!

Ich weise nur auf den Prozess der Umdeutung hin: Ein Mensch leidet oder findet sich nicht so gut im Alltag zurecht. Oft genug verursacht Letzteres auch Ersteres: zum Beispiel, wenn andere einen für vergesslich halten und darum abwerten.

Übrigens wurden auch homosexuelle Männer stark ausgegrenzt und nannten Psychiater das bis in die 1970er-Jahre eine Geistesstörung. Schlaue Leute hatten das ins DSM geschrieben, also musste es stimmen. Dann kam ein noch schlauerer Psychiater, Robert L. Spitzer (1932-2015), und wies seine Kollegen daraufhin, dass die Schwulen vor allem wegen der Ausgrenzung litten und nicht wegen ihrer sexuellen Vorlieben; und man bemerkte, dass der „objektive“, statistische Beweis für die angebliche Krankheit der Schwulen in Gefängnissen erhoben worden war, wo es Menschen allgemein schlechter geht.

Ich bestreite auch nicht, dass die Hautsalbe vom Dermatologen oder die Stimulanzien vom Psychiater das Leiden lindern können. Mit der Wirkungsweise der Stimulanzien habe ich mich intensiv für die Gehirndoping-Debatte beschäftigt, siehe hier meine Gratis-FAQ als Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsprojekts.

Aber um den Kreis für ADHS zu schließen: Man macht uns, Eltern und Kindern, seit gut 100 Jahren weis, verhaltensauffällige Kinder hätten eine Gehirnstörung. Gefunden hat man sie nie. Währenddessen verbreitet eine Sendung wie Quark(s) suggestive Werbebildchen darüber, während sie selbst einräumt, dass man es nicht weiß.

Warum redet man dann so, obwohl man weiß, dass es nicht stimmt?

Individualisierung

Ich gönne jedem seine Therapie und auch seine Medikamente, wenn er/sie der Meinung ist, dass das mehr hilft als schadet. Ich will nur die falsche Magie aus dieser Diskussion haben.

Denn mit dem nachweislich falschen Gen- und Gehirn-Sprech werden die Probleme ausschließlich im Individuum lokalisiert. Obwohl man es nicht in den vielen Patientinnen und Patienten nachweisen kann – die Gehirnscanner stehen doch bereit! –, soll es da an Dopamin oder Noradrenalin mangeln. Also wenn jemand etwas schüchtern ist und mit einem Glas Sekt sozialer wird, dann hatte er oder sie vorher einen Alkoholmangel?

Dass das nicht nur Theorie ist, lässt sich zeigen, wenn ich auf den Fehler von Quarks mit dem fehlenden Interesse zurückkomme. Wann fehlt uns denn das Interesse? In der Regel dann, wenn wir etwas langweilig oder eintönig finden – oder auch dann, wenn wir ermüdet sind.

Dann fällt es uns oft schwerer, uns für etwas zu motivieren. Ist es Zufall, dass stimulierende Substanzen wie Amphetamin, Methylphenidat oder Kokain die subjektive Energie, das Gefühl der Wachheit, die Motivation erhöhen? Und dass es Menschen damit leichter fällt, eintönige Aufgaben zu erledigen?

Meine Forderung ist schlicht: nicht immer nur aufs Individuum zu schauen, sondern auch auf die Umgebung. Dann wird zum Beispiel ADHS nicht nur ein Thema der Psychiater, sondern auch von Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiten, Umweltmedizinern, der Gestaltung von Schulunterricht und Erziehung. Dann sucht man die Ursachen nicht nur im Einzelnen – und wir man nicht selten an anderen Orten fündig.

P.S. Zur ‚Gehirn-Psychiatrie‘

Ja ja, ich weiß: Ich habe die Forschung nicht verstanden, obwohl ich in drei psychiatrischen Universitätskliniken gearbeitet und mit Verfahren der bildgebenden Hirnforschung meine kognitionswissenschaftlich Doktorarbeit abgeschlossen habe. Ich schwurble.

Ich schwurble sogar so sehr, dass ich Bachelorstudierende der Psychologie im dritten Jahr mit etwas Anleitung einen der am häufigsten zitierten psychiatrischen Belege für die Behauptung, ADHS sei eine Gehirnstörung, analysieren ließ. Eine über tausendfach zitierte Publikation in Lancet Psychiatry. Über mehrere Jahre waren 100 Prozent meiner Studierenden in Gruppenarbeit dazu in der Lage, die grundlegenden Fehler dieser Behauptung herauszuarbeiten.

Ja ja, ich weiß: Wir schwurbeln alle und jetzt verstecke ich mich sogar hinter meinen Bachelorstudierenden!

Martine Hoogman von der Universitätsklinik in Nijmegen, die Erstautorin dieser Studie, wurde kürzlich für einen ausführlichen Artikel zu ADHS im New York Times Magazine befragt. Meiner Meinung nach waren ihre Gehirnfunde viel zu klein, um etwas über Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne ADHS-Diagnose aussagen zu können. Das sage ich seit bald zehn Jahren.

Interessant, dass Hoogman, die die Botschaft „ADHS ist eine Gehirnstörung“ in die Welt setzte, was massiv von den Medien verbreitet wurde, nun scheinbar ihre Meinung geändert hat:

„Als ich Hoogman kürzlich per E-Mail interviewte, war ich überrascht zu erfahren, dass sie ihre Aussage im Nachhinein bereut. ‚Damals betonten wir die von uns festgestellten Unterschiede (wenn auch geringfügige), aber man kann auch schlussfolgern, dass das subkortikale und kortikale Volumen von Menschen mit und ohne ADHS nahezu identisch ist‘, schrieb sie. Rückblickend fügte sie hinzu, es sei nicht angemessen gewesen, aus ihren Ergebnissen zu schließen, dass ADHS eine Hirnstörung sei.“ (New York Times Magazine, 2025)

Gehirnstörung oder nicht, andere Gehirne oder (nahezu) identisch – wo ist da der Unterschied? Man rühre im Quark und alles wird gleich.

Tja, wer schwurbelt hier? Wer verfolgt damit seine finanziellen, Karriere- und Aufmerksamkeitsinteressen? Und wer wagt es, die herrschende Meinung zu kritisieren, und setzt sich damit Angriffen aus?

Quark(s)

Um Missverständnisse zu vermeiden: Dass es Menschen mit – mehr oder weniger großen – Aufmerksamkeitsproblemen gibt, bestreitet niemand. Es geht darum, wie man – individuell und gesellschaftlich – damit umgehen soll.

Welche Antwort bekommt man, wenn man eine anerkannte Wissenschaftsredaktion befragt? „Warum sind Betroffene oft hibbelig und unkonzentriert? Die Veränderungen im Gehirn wirken sich auf das Verhalten aus“ (Quark). Nein, allgemeine Gehirnveränderungen wurden für ADHS nie nachgewiesen und sind auch im klinischen Einzelfall nicht belegt, weder bei der Diagnose noch in der Therapie. Dass Menschen auf psychoaktive Substanzen oder Verhaltenstherapie ansprechen, beweist nicht die Existenz eines Dings ADHS im Gehirn.

Ich trete nur dafür ein, auch die Umgebung mitzudenken. In diesem Zusammenhang ist ein Quarks-Symptom für die hyperaktive Variante von ADHS interessant: „Es kann schwerfallen, auf Belohnungen zu warten.“ Genau, zum Beispiel wenn Schulunterricht, wo sich die Symptome am häufigsten äußern, mit Social Media Apps konkurrieren, wo man permanent und endlos stimulierende Inhalte gezeigt bekommt.

Es sei noch einmal daran erinnert, dass sowohl die ADHS-Diagnosen als auch Verschreibung stimulierender Psychopharmaka seit den 1990ern stark anstieg, erst bei Kindern und Jugendlichen, dann auch zunehmend bei Erwachsenen. Ist es reiner Zufall, dass das mit der Digitalisierung der Gesellschaft einhergeht, wo die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit immer größer wird?

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Abbildung: von ElisaRiva (modifiziert), Pixabay-Lizenz.

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