Und eine Überraschung zum Psychoserisiko eines verbreiteten psychiatrischen Medikaments
Es ist noch kein Jahr her, dass man das Cannabisverbot in Deutschland einschränkte. Die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP ist Geschichte. Erinnert sich noch jemand an die letzte Partei, die es nicht mehr in den Bundestag schaffte? Doch die Teillegalisierung der beliebtesten Droge nach Alkohol und Nikotin bleibt vorerst in Kraft – auch wenn die neue Bundesgesundheitsministerin von der CDU die Versorgung über Telemedizin und Online-Apotheken abschaffen will.
Wir erinnern uns an die hitzigen Debatten: Vor allem die Abgeordneten der SPD mussten überzeugt werden. Dafür setzte sich der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bis zur letzten Minute ein. Die Gesetzesänderung wurde schließlich am 23. Februar 2024 vom Bundestag verabschiedet. Doch die Unionsparteien wollten es mit einem Trick im Bundesrat aufhalten. Der Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, Michael Kretschmer (CDU), brüskierte sogar seinen Koalitionspartner und setzte sich über die Gepflogenheiten des hohen Hauses hinweg. Er meinte, die Bundesrepublik vor einem großen Fehler retten zu müssen. Menschen-Bilder war damals live dabei.

Frisch aus der Druckerpresse: Wissen über die Cannabispolitik in Deutschland und aus der Wissenschaft erhalten Sie jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei im BoD Shop. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei Amazon, Apple Books und Google Play Books.
Stieg der Konsum?
Es hieß immer wieder, durch eine liberalere Cannabispolitik würde der Konsum steigen. Jetzt liegen die neuesten Zahlen vor. Und, siehe da: Der wesentliche Anstieg, vor allem bei jungen Erwachsenen, fand schon lange vor der Gesetzesänderung statt. Der zuletzt gefundene, leichte Anstieg von 2021 auf 2024 ist statistisch nicht signifikant. Jugendliche, um die sich die Verbotsbefürworter am meisten Sorgen machten, konsumierten ohnehin schon weniger Cannabis. Und für die wollte ohnehin niemand die Droge einfacher verfügbar machen.

Laut den neuesten Daten vom IFT Institut für Therapieforschung konsumierten rund 10 Prozent der Erwachsenen in Deutschland zumindest gelegentlich Cannabis. Beim riskanten starken Konsum änderte sich den Zahlen nach aber nichts. Datenquelle: Hoch et al., 2025
Schreckensszenario Nummer 1: Psychoserisiko und Schizophrenie
Die Kritiker wurden es nicht müde, immer wieder vom Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko durch Cannabiskonsum zu warnen. Dass das Mittel wohl kaum seit Jahrtausenden in vielen Kulturen genutzt und auch hierzulande medizinisch verschrieben werden würde, wenn es wirklich so gefährlich wäre, ignorierten die Cannabisgegner geflissentlich.
Aber der Risikobegriff kann ja sehr weit gedehnt werden: Die meisten von uns setzen sich auch Tag für Tag in ein Verkehrsmittel und setzen sich damit einem höheren Risiko für einen Verkehrsunfall aus, sogar jetzt bei verschneiten Straßen im Winter! Doch, wer hätte es gedacht: Trotz aller Risiken haben die allermeisten von ihnen am Ende des Tages nicht einmal eine Prellung.
Zu den Risiken des Cannabiskonsums gibt es viele Studien. Prinzipiell gilt, dass Beobachtungsstudien keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen können. Das heißt, vergleicht man zu verschiedenen Zeitpunkten die Gruppen der Konsumierenden und der Abstinenten und findet man dabei Unterschiede bei den Psychosen oder Schizophrenien, dann ist das kein Beleg für einen kausalen Einfluss von Cannabis. Schließlich unterscheiden sich die Gruppen ja auch in vielen anderen Faktoren. Dass diejenigen, die sonst auf kontrollierten Studien beharren, wenn sie die „evidenzbasierte Medizin“ für sich beschwören, diese Standards bei der Dämonisierung von Drogen sofort vergessen, stimmt mich bedenklich.
Jetzt liegen ganz neue Daten zu sowohl dem Cannabiskonsum als auch der Diagnose von psychotischen und schizophrenen Störungen vor. Auch wenn diese keinen letzten Beweis liefern: Was denken Sie, in welche Richtung der Zusammenhang weist?

Die schon auf der letzten Abbildung dargestellte 12-Monats-Prävalenz (linke Skala) wird hier mit zwei möglichen Verläufen der Schizophreniekurve verglichen: Denken Sie, dass im gezeigten Zeitraum immer mehr (gelb; rechte Skala) oder immer weniger (rot) der psychologisch-psychiatrischen Störungen diagnostiziert wurden?
Komplexe Wissenschaft
Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass Menschen mit erhöhtem Psychoserisiko häufiger Drogen konsumieren. Teils tun sie das, weil sie mehr Härten im Leben hinter sich haben und sich mithilfe der psychoaktiven Substanzen besser entspannen können. Manche weisen auch auf familiäre oder genetisch Risiken hin: Wer zum Beispiel einen nahen Verwandten mit einer Schizophrenie habe, der solle besser die Finger von den Mitteln lassen. Teils konsumieren Menschen mit der Diagnose Schizophrenie aber sogar Cannabisprodukte, um die Nebenwirkungen ihrer Medikamente besser zu ertragen!
Das alles sind besondere Gründe dafür, dass man von einem gemeinsamen Auftreten von Cannabiskonsum und Psychosen beziehungsweise Schizophrenien keine Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten kann. Der kausale Pfeil könnte in beide Richtungen weisen. Cannabiskonsum und eine psychologisch-psychiatrische Störung können aber beide auch durch einen dritten Faktor bedingt sein. Das sind eigentlich Standardargumente aus einer Einführungsvorlesung in die Statistik.
Trotzdem behaupten die Cannabisgegner in der Ärzteschaft beharrlich, aufgrund ihrer „klinischen Erfahrung“ die Kausalität schlicht sehen zu können. Mir ist schon klar, dass man mit dem ohnehin oft nur oberflächlich angefertigten Dr. med. auch magische Kräfte verliehen bekommt.
Tipp: Mit einem Abonnement des Menschen-Bilder Newsletters verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.
Auflösung
Was sagen also die neuesten Daten? Waren meine Vorbehalte und die der eher zurückhaltenden Forscherinnen und Forscher berechtigt? Oder haben doch die Cannabisgegner mit ihrer „klinischen Erfahrung“ recht?

Obwohl seit 2012 immer mehr erwachsene Deutsche Cannabis konsumieren, sank die Rate neu diagnostizierter psychotischer und schizophrener Störungen seit 2015 kontinuierlich: und zwar um satte 12 Prozent! Datenquellen: Kohring et al., 2024; Thom et al., 2024
Damit wird übrigens nicht bestritten, dass besonders häufiger und starker Cannabiskonsum das Risiko für psychologisch-psychiatrische Störungen erhöht. Insbesondere diejenigen, die Lebensprobleme mit dem Mittel (oder anderen Drogen) unterdrücken wollen, gehen ein höheres Risiko ein. Denn mit dieser Bewältigungsstrategie tun sie nichts gegen die Probleme.
Übrigens fällt mir bei der Ärzteschaft immer wieder das Muster auf, die von ihnen selbst verschriebenen Medikamente eher zu verharmlosen, doch die von den Menschen selbst gewählten Heilmittel als gefährlicher darzustellen. Vergessen wir nicht, dass zum Beispiel die Opioid-Epidemie in den USA ab den 1990ern von Ärzten und Pharmafirmen losgetreten wurde, die den Menschen ein Leben ohne Schmerzen versprach. Von dem offensichtlichen Suchtrisiko wollten sie lange nichts wissen, während sie an der Abhängigkeit der Patientinnen und Patienten übrigens sehr gut verdienten. 30 Jahre später sind Hunderttausende an Überdosierungen der Mittel gestorben.
Und ohne hier eine Panik lostreten zu wollen: Wenn man danach sucht, dann finden Forscher auch für das sogar an Kinder immer häufiger verschriebene Methylphenidat (z.B. Ritalin) oder Amphetamin („Speed“) ein erhöhtes Psychoserisiko (de Pablo et al., 2025). Ergebnis der Studie:
„Diese systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse ergab ein nicht zu vernachlässigendes Auftreten von psychotischen Symptomen, psychotischen Störungen oder bipolarer Störung bei Personen mit ADHS, die mit Stimulanzien behandelt wurden. Amphetamine waren im Vergleich zu Methylphenidat mit einem höheren Auftreten assoziiert.“ (de Pablo et al., 2025, S. 1103)
Man muss immer Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen. Aber ja, das böse Cannabis!
Aus den „Cannabis-Protokollen“
Wie groß ist aber nun das Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko? Ich erlaube mir, aus meinem neuen Buch zu zitieren (Schleim, 2026, S. 76f.):
Aufgrund der Komplexität der Problematik folgerte eine Forschergruppe um Theresa Moore von der Universität Bristol (Großbritannien) schon einige Jahre vorher in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift The Lancet: „Die Unsicherheit darüber, ob Cannabis Psychosen verursacht, wird wahrscheinlich nicht durch weitere Längsschnittstudien aufgelöst werden können“ (Moore et al., 2007, S. 316).
Diese Studie hat sich wie kaum eine andere mit dem Problem der ‚umgekehrten Kausalität‘ und möglichen Verzerrungen in den epidemiologischen Studien beschäftigt. Den Einfluss störender Faktoren in dieser Forschung bezeichnen sie als „substanziell“. Das mahnt uns zur Vorsicht, wenn wir daraus Schlüsse für die Praxis ziehen wollen.
In ihrer Schlussfolgerung schreiben diese Forscherinnen und Forscher, man solle Cannabiskonsumenten vor dem Psychoserisiko und auch der Möglichkeit affektiver Störungen (wie Depressionen) warnen. Doch auch unter den regelmäßigen Konsumentinnen und Konsumenten sei das „Lebenszeitrisiko chronischer psychotischer Störungen wie Schizophrenie wahrscheinlich gering (kleiner als 3 Prozent)“ (Moore et al., 2007, S. 327).
Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Für Gelegenheitskonsumenten ist das Risiko noch kleiner. Ein allgemeines Verbot lässt sich aufgrund dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse daher meiner Meinung nach nicht rechtfertigen – zumal wir überall sehen, dass Prohibition nicht funktioniert und im Gegenteil sogar Gesundheitsrisiken vergrößert. Denn dann sind die Substanzen mitunter verunreinigt, höher dosiert und suchen Betroffene aufgrund der Angst vor Stigmatisierung und Strafverfolgung weniger Hilfe.
Wer also in Bezug auf Cannabis Gesundheitsschutz fordert, darf das Wort ‚Verbot‘ nicht in den Mund nehmen. Und selbst die maßgeblichen Studien räumen ein, dass es keinen schlagenden Beweis für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen dem Substanzkonsum und schweren, anhaltenden psychischen Störungen gibt.

Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei im BoD Shop. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei Amazon, Apple Books und Google Play Books.
Quellen:
- de Pablo, G. S., Aymerich, C., Chart-Pascual, J. P., Solmi, M., Torres-Cortes, J., Abdelhafez, N., … & Cortese, S. (2025). Occurrence of psychosis and bipolar disorder in individuals with attention-deficit/hyperactivity disorder treated with stimulants: a systematic review and meta-analysis. JAMA psychiatry.
- Hoch E, Krowartz EM, Hollweck R, Möckl J, Olderbak S (2025). Cannabis consumption before and after partial legalization in Germany: Early trends, consumption patterns, and motives. Dtsch Arztebl Int; 122: 632–7.
- Moore, T. H., Zammit, S., Lingford-Hughes, A., Barnes, T. R., Jones, P. B., Burke, M., & Lewis, G. (2007). Cannabis use and risk of psychotic or affective mental health outcomes: a systematic review. The Lancet, 370(9584), 319-328.
- Kohring C, Hartmann M, Holstiege J, Müller D (2024). Inzidenztrends für 37 psychische Störungen bei Erwachsenen in der ambulanten Versorgung – Entwicklungen zwischen 2015 und 2022 mit Fokus auf Schizophrenie, Depressionen, tabakbezogenen und somatoformen Störungen sowie Schlaf- und Persönlichkeitsstörungen. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). Versorgungsatlas-Bericht, Nr. 24/06. Berlin.
- Schleim, S. (2026). Die Cannabis-Protokolle: Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand. Hamburg: BoD.
- Thom J, Jonas B, Reitzle L, Mauz E, Hölling H, Schulz M (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. Dtsch Arztebl Int; 121: 355–62.
Titelgrafik: von Randi Bagley, Pixabay-Lizenz.

